Ich find‘ das echt behindert!

Ich mag die Redewendung „etwas behindert finden“ überhaupt nicht und verwende sie überlicherweise auch nicht. An dieser Stelle passt sie dennoch als Wortspiel ganz gut, um meine Meinung zu untermalen, so dass ich darum bitte, mir diese Ausnahme zu verzeihen. Mein Mann hat mich diese Woche mit einem Thema überrascht, das mich nicht losgelassen hat.

Behindertenwerkstatt - Mit Behinderung arbeiten
Er kam nach dem Spätdienst nach Hause und fragte mich wie aus heiterem Himmel, was ich denke, wieviel Geld ein behinderter Mensch, der in einer Behindertenwerkstatt arbeitet, wohl verdient. Ich hatte mir bis zu diesem Zeitpunkt keine Gedanken darüber gemacht und war der Überzeugung, dass es wohl nicht viel sei, aber auch nicht wirklich wenig. Ich antwortete ihm „Keine Ahnung, so um die 1100€?“. Daraufhin lachte er bitter und erzählte mir von seinem Arbeitstag.

Das lohnt sich ja richtig

Er hatte eine Frau mit Behinderung auf seiner Station liegen und sich zwischendurch mit ihrer Mama unterhalten, erzählte er mir. Die junge Frau arbeitet in einer Behindertenwerkstatt und muss jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen, da sie um 6 Uhr vom Fahrdienst abgeholt wird, der daraufhin alle anderen Kollegen auf der Route einsammelt. Die Arbeit selbst beginnt erst um 7.30 Uhr – aber sie hat keine Wahl und muss deshalb den Fahrdienst nehmen. Obwohl die Frau nur in Teilzeit arbeiten kann, ist sie erst abends wieder zu Hause – sie ist halt auf den Fahrdienst angewiesen, der erst abends fährt, wenn die anderen (Vollzeit-) Arbeiter auch nach Hause müssen. Deshalb muss sie den gesamten Tag in der Firma verbringen, auch wenn sie Feierabend hat.

Alleine das hat mich schon überrascht, ich habe da noch nie so genau drüber nachgedacht, wie der Ablauf in einer Behindertenwerkstatt so aussieht. Nun kommt aber der Hammer: Die Frau wird im Monat mit 80€ entlohnt.

80€. Achtzig Euro? ACHTZIG! WTF?

Mir ist die Kinnlade heruntergeklappt, als er mir das erzählt hat. „Wie kann das sein?“, habe ich ihn gefragt. „In Zeiten von Mindestlohn? Das gilt nicht für Behindertenwerkstätten?“ Offenbar nicht. Aber ist das nicht Diskriminierung?

Diskriminierung in Zeiten von Inklusion

Regelmäßig werde ich als angehende Lehrerin mit Inklusion konfrontiert. Umso unverständlicher erscheint es mir, dass auf dem Arbeitsmarkt fröhlich weiterdiskriminiert wird. Vielleicht mag es der ein oder andere nicht in Ordnung finden, dass ich von Diskriminierung spreche. Aber ich persönlich empfinde es so! Wie soll jemand, der nach seinen Möglichkeiten arbeitet, von 80€ einen Lebensunterhalt bestreiten können? Selbst, wenn er staatliche Zuwendungen bekommt – ist es das, was wir wollen? Wollen wir nicht viel lieber, dass jeder durch seine Arbeit genug Geld bekommt, für sich selbst zu sorgen? Wer arbeitet, gehört fair entlohnt. So sehe ich das.

Im Schulwesen möchten wir Inklusion. Gleiche Chancen. Trotz Behinderung einen Schulabschluss. Aber im Ernst: Wofür? Wofür die ganze Mühe, wenn sich jemand, der sich erfolgreich einen Schulabschluss erkämpft hat, am Ende vielleicht in solch einer Situation wie die Frau wiederfindet, die mein Mann die Woche als Patientin kennengelernt hat? Hat sich der Schulabschluss dann wirklich gelohnt? Sich von einer Bewerbungsabsage zur nächsten hangeln? Wenn man solch große Stücke auf Inklusion setzt, sollte auch dafür gesorgt werden, dass die entsprechenden anschließenden Möglichkeiten existieren, wahrgenommen werden können und fair bezahlt sind. Und auch wenn kein Schulabschluss vorhanden ist – nicht alle Behinderungsformen machen einen Schulabschluss möglich – gehört zu einer Wertschätzung der geleisteten Arbeit ein fairer Lohn.

Man liest vielfach einen Tipp: Mehr als 6 Wochen Krank schreiben lassen. Nach 6 Wochen erhält der Kranke deutlich mehr Geld, nämlich direkt von der Krankenkasse – etwa 1200-1300€ – 70% der fast 2000€, die die Behindertenwerkstatt für die Beschäftigung einer Person erhält. Und wenn man das so liest, kann man nur hoffen, dass diesen Weg viele Menschen gehen. Das Taschengeld, das den Beschäftigten für ihre Arbeit ausgezahlt wird, erscheint mir diskriminierend, menschenunwürdig und schon gar nicht motivierend.

Wie empfindet ihr das? Seht ihr das vielleicht ganz anders? Lasst mir gerne euren Kommentar da – ich freue mich über jeden.
Eure Mrs. Ella

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4 Comments on Ich find‘ das echt behindert!

  1. Anne Murmel
    12. November 2016 at 8:02 (1 Jahr ago)

    unglaublich. Ist das bundesweit so?
    habe ich nicht gewusst.

    Antworten
  2. Miriam Fischer
    12. November 2016 at 8:09 (1 Jahr ago)

    Die Zahlen variieren in den Werkstätten. Aber es ist überall menschenwürdige was Menschen mit Behinderung verdienen.

    Antworten
  3. Tanja S.
    8. November 2017 at 16:25 (2 Wochen ago)

    Ich habe den Artikel aufmerksam gelesen und kann Ihnen da nur zustimmen.
    Ich selbst soll laut Amt in eine Werkstatt gehen, da ich nicht fähig wäre, mehr als 3 Stunden täglich zu arbeiten.
    Ja, ich habe meine Probleme im Arbeitsleben und bin in verschiedenen Jobs schon auf die Nase gefallen. Bei mir ist das Problem, dass ich mit Stress&Druck, Hektik nicht gut klar komme (ja, das sind Dinge, die es überall gibt) und ich mir oftmals dann Dinge nicht gut merken kann d.h. ich vergesse diese dann und muss immer wieder nachfragen.
    Auf Grund eines Gutachtens, welches nach einer Abklärungsmaßnahme im November 2016 entstanden ist, hat mich das Amt für arbeitsunfähig eingestuft und gesagt, dass ich in eine Werkstatt gehen soll.
    In diese gehe ich jedoch nicht rein.
    Warum? Eben, wie Sie gesagt haben, würde ich nur zwischen 60 bis 80€ im Monat von der Werkstatt erhalten, plus Sozialgeld. Da ich jedoch daheim immer noch lebe, ich mir keine Wohung leisten kann und mein Vater eine gute Rente erhält, würde ich nicht das volle Sozialgeld von 408€ erhalten, sondern evlt. nur an die 100€.
    Für 180€ würde ich persönlich nicht einmal meinen Arsch aus dem Bett bewegen. Wozu bitte? Dafür, dass ich 40 Stunden in der Woche in einer Werkstatt mit anderen Behinderten, denen es sicherlich noch schlechter geht, als mir, sitze?
    Derzeit arbeite ich auf 450€ Basis als Aushilfe bei einem Bäcker. Es ist okay dort, von leben kann ich dennoch nicht. Ich habe keinen Behindertenausweis, weil bei mir gesagt wird, dass ich nur 20% habe und demnach eine „seelische Störung“ hätte.
    Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Selbst mit Sozialgeld (Grundsicherung von 408€) ist das schwierig zu handhaben.

    Ich frage mich, wie man von 80€, plus Sozialgeld leben kann? Eigentlich gar nicht.
    Wohung wird nur vom Staat finaziert, wenn diese angemessen ist vom Mietpreis und der Größe. Das ist das nächste Problem: Es gibt zu wenig Sozialwohnungen. Denn selbst, wenn ich auf Teilzeit arbeiten würde, könnte ich mir diese nicht leisten (lebe Nähe Hamburg).
    Wie soll dann von dem bisschen Geld ein Sozialhilfempfänger zu Recht kommen?

    Nicht um sonst heißt es „Einmal Werkstatt, immer Werkstatt“. Jemand, der da einmal drin ist, hat fast keine Chancen, wieder auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zurückzugehen. Viele Arbeitgeber haben kein Verständnis für einen Menschen mit Behindertung. Egal ob körperlich oder geistig.
    Ich finde das traurig.
    Man wird ausgegrenzt. Kann sich nie das leisten, was sich andere leisten können.
    Gleichberechtigung? Fehlanzeige!

    Antworten
    • Mrs. Ella
      8. November 2017 at 20:44 (2 Wochen ago)

      Liebe Tanja,
      ich danke Ihnen für Ihren großartigen Beitrag!
      Ich finde es unglaublich, wie solch etwas in der heutigen Zeit noch möglich ist!
      Liebe Grüße
      Jennifer

      Antworten

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