Eine etwas andere Stillgeschichte: Fast jede Mutter kann ihr Kind stillen, wenn…

Ich habe mir vor der Geburt über das Stillen keinerlei Gedanken gemacht. Für mich war es ganz klar, dass ich stillen würde. Probleme? Würde ich nicht haben, ich war ja diesbezüglich tiefenentspannt und so schwer konnte es ja gar nicht sein, wenn das so viele Mamas schaffen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie man seinen Blickwinkel auf etwas ändert, wenn man dann in der Situation steckt.

Unsere etwas andere Stillgeschichte:

Die Geburt war nicht leicht. Annabelle war weit überfällig, aber bei mir tat sich einfach nichts. Nach Dilapan-Stäbchen und Gel war der Wehentropf die erste Maßnahme, die etwas bewirkte: starke Wehen – leider mit unverändertem Befund. Erst die PDA brachte dann einen entscheidenden Sprung und meine kleine Maus kam doch noch spontan zur Welt.

Da lag sie nun auf meinem Bauch und schmatzte drauf los. Die Hebamme zeigte mir zugleich eine erste Stillposition, die auch in dem Moment gut funktionierte. Die Einzelheiten überforderten mich in diesem Moment aber einfach, ich war viel zu konzentriert auf meine kleine Maus, die da auf meinem Bauch lag.

Von da an hatte ich Annabelle fast permanent angelegt – leider ohne Milcheinschuss. Trotzdem ließ ich sie in aller Seelenruhe nuckeln, da sie es einfach brauchte und es für mich in Ordnung war. Die wunden Brustwarzen ignorierte ich mit einem eisernen Willen – der Milcheinschuss würde ja bald folgen. Ich saß bis zu drei Stunden am Stück im Stillzimmer und „stillte“. Dass man so lange eigentlich nicht stillt, sagte man mir nicht. Sollte man ja eigentlich auch wissen, oder?

Leider tat sich nichts. In der zweiten Nacht schrie Annabelle und schrie und schrie. Nichts konnte sie mehr beruhigen, nicht einmal die Brust. Die Schwester im Dienst vermutete, dass die Kleine Hunger haben könnte und holte einen Becher und PRE Nahrung heran. Innerhalb von drei Stunden trank Annabelle 3x 20ml PRE Nahrung – ich weiß bis heute nicht, wie ihr kleiner Magen mit dieser Menge zu dem Zeitpunkt schon klar kam. Aber sie war friedlich und ich legte sie weiterhin an, um dem entscheidenden  Milcheinschuss entgegen zu fiebern. Meine Brustwarzen waren feuerrot und wund, was mich davon jedoch nicht abhielt. Als ich die Schwestern auf eine Stillberaterin ansprach, die es dort gab, wurde ich ständig vertröstet. Probleme am Anfang seien ganz normal. Ich würde keine benötigen. Irgendwann sagte man mir zu, dass sie vorbei käme, was aber nie geschehen ist.

Ich hatte auch weiterhin keine Ahnung, worauf ich beim Stillen achten musste, wenn ich die Kleine vor mir im Arm liegen hatte. Ich kannte ja auch nur die eine Stillposition auf meinem Bauch. Die Schwester in der Nacht hatte mir noch genervt gesagt, das sei doch ganz einfach. Ich fühlte mich richtig dämlich. Aber es hatte mir ja auch niemand gezeigt.

Doch es tat sich auch weiterhin nichts. An Tag 3 becherten wir die PRE Nahrung und ich wurde entlassen. Mit meinen Stillproblemen, die angeblich keine waren.

Schon auf dem Rückweg nach Hause hielten wir noch in einer Drogerie und Apotheke, um PRE Nahrung zu besorgen und Kompressen, die mir die Hebamme im Kreissaal schon ans Herz gelegt hatte. Diese halfen gegen meine wunden Brustwarzen Wunder, denn ich würde Annabelle auch die nächsten Tage fast permanent angelegt haben. Sie abzulegen, war nicht möglich und wurde nur mit hysterischem Schreien quittiert. Abends bekam Annabelle immer eine Flasche mit PRE Nahrung – den Rest des Tages lag sie an meiner Brust.

Was soll ich sagen? Erst an Tag 6 kam der lang ersehnte Milcheinschuss. Zu diesem Zeitpunkt hatte meine Hebamme mir schon mehrere Stillpositionen gezeigt, mit denen wir auch gut klar kamen. Dank der Kompressen ging es meinen Brustwarzen fast sofort wieder gut, wenn sie mal wund waren. Was blieb war die Flasche am Abend.

Aber man merkte, dass es ihr mit der Situation nicht gut ging. Sie war tagsüber kaum zufriedenzustellen. Oftmals war selbst die Brust nicht gut genug. Sie clusterte von Anfang an – also trank minimale Mengen, um dann einzuschlafen und weiterzutrinken, wenn sie wach war. 2 Wochen lang war ein Ablegen nahezu unmöglich und ich war am Ende meiner Kräfte.

Meine Hebamme hatte dies schon mit Besorgnis beobachtet und riet mir nach 2 Wochen dann, Annabelle auch tagsüber zuzufüttern. Innerlich wehrte ich mich dagegen, aber ich wusste auch, dass ich etwas tun musste, damit es meiner Maus tagsüber besser ging. Also stimmte ich zu und fütterte fortan auch tagsüber PRE Nahrung, ohne das Anlegen zu vernachlässigen. Das Ergebnis war, dass sie fortan viel gelassener und ausgeglichener war.

Nach einiger Zeit trank Annabelle in etwa 50% aus der Brust und 50% PRE Nahrung. So sagte es mir meine Hebamme, nachdem ich mehrere Wochen lang akribisch aufgeschrieben hatte, wieviel PRE Nahrung sie jeden Tag trank. Für mich war die Situation unglaublich traurig und eine totale Belastung. Ich war nicht in der Lage, mein Kind voll zu stillen. Das, was ich immer gewollt hatte. Ich wollte unbedingt mehr stillen und die Zufütterung mit PRE Nahrung reduzieren. Das würde doch wohl möglich sein!

Man liest immer wieder, dass das Zufüttern mit PRE Nahrung für das Stillen ein echter Teufelskreis ist. Genauso schlimm ist es aber, sich so großen Druck zu machen, dass das volle Stillen einfach nicht klappen möchte. So war es bei mir.

Foren, Artikel und generell das Internet halfen mir wenig bei meinen Problemen, führten aber dazu, dass ich mich noch schlechter fühlte. Von Vorwürfen war zu lesen. Man würde ja eigentlich nicht wollen. Man hätte nicht alles versucht. Man hätte gar nicht erst mit PRE anfangen dürfen.

Monatelang legte ich sie bei Bedarf immer und immer wieder an. Ich kann kaum glauben, dass ich so viel Geduld in dieser Angelegenheit aufbrachte. Normalerweise bin ich weitaus weniger diszipliniert. Aber ich hatte mein Ziel vor Augen und zog es durch. Leider mit geringfügiger Besserung.

Wie es oftmals so ist, kommt mit der Zeit auch die Gelassenheit. Man sieht Dinge einfach entspannter und findet sich mit Situationen ab. So war es um den vierten Monat herum auch bei mir. Ich nahm es einfach so hin, wie es war. Versuchte zu ignorieren, was ich rund um das Stillen las. Ließ mich von meiner Verwandschaft nicht mehr beeindrucken, die mir immer vorhielt, dass ich ja nicht gestillt worden sei. Ich habe die negativen Eindrücke mit der Zeit einfach abgelegt.

Dieser Sinneswandel brachte es dann mit sich, dass ich Annabelle plötzlich voll stillen konnte. Gott sei Dank, denn zu diesem Zeitpunkt hatte sie begonnen, nach Lust und Laune die Flasche abzulehnen – man kann ja auch die Brust haben, wer will da die Flasche?

Fazit:

Für mich ist unsere Stillgeschichte eine kleine Odyssee. Aber eine mit Happy End.

Heute stille ich Annabelle nicht mehr – der Weg von der Brust weg war in etwa so anstrengend wie der Weg zum vollen Stillen und hat auch genauso lange gedauert Aber ich habe aus dieser gesamten Zeit sehr viel gelernt und möchte die Zeit keinesfalls missen. Das Stillen hat unsere Beziehung auf eine andere Ebene gehoben und aus ihr eine sehr innige Beziehung gemacht, die heute noch anhält.

Nachwort:

Ich möchte mir trotzdem am Ende die Zeit nehmen, ein paar Worte zur allgemeinen Auffassung des Stillens zu verlieren. Es ist wie oft, wenn es um Mütter und Kinder geht: es gibt zwei Fronten, die kein gutes Haar an sich lassen. Stillen oder nicht Stillen? Tragen oder Kinderwagen? Familienbett oder eigenes Bett? Brei oder Fingerfood? Die Liste lässt sich lange weiterführen

Und dann gibt es zwischen diesen zwei Fronten ein paar Mütter, die sich nicht zuordnen können oder wollen. Dieser Gruppe gehöre meistens ich an. Und selbst wenn ich einer Seite angehöre, weigere ich mich oft dagegen, mich einer Seite zuordnen zu lassen. Ich mache mir immer bewusst, wie wichtig Toleranz unter uns Müttern ist. Keine Mutter möchte seinem Kind in irgendeiner Weise schaden. Wir tun alle, was wir für das Beste halten.

Ich möchte aus diesem Grund für mehr Gelassenheit und Toleranz unter Müttern plädieren. Leben und leben lassen. Jede Mutter möchte nur das Beste für ihr Kind.

Wer – wie ich – Stillprobleme hat und dann Google anwirft oder sich in Foren umschaut, kommt gar nicht drum herum, auf die Flaschen- und Brustmamis zu treffen, die der Meinung sind, die andere Mutter mache es falsch.

„Jede Mutter kann ihr Kind stillen“, liest man vielfach in Foren, in Diskussionen und in Artikeln. Unabhängig von den Wenigen, die es physiologisch einfach nicht können, hilft diese Aussage Müttern, die stillen wollen, aber Stillprobleme haben, meistens wenig. Sie sorgt eher dafür, dass man von Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen geplagt wird. Ich habe mir meine Gelassenheit selber durch den Druck, den ich mir gemacht habe, genommen. Druck, der von außen verstärkt wurde.

Jede kann stillen – warum klappt es bei mir nicht? Den Stress, den man sich dadurch selbst bereitet, kann dem Stillen ganz schön entgegen wirken, wie ich am eigenen Leib erfahren durfte.

Wichtig ist es auch, direkt im Krankenhaus kompetente Stillberaterinnen an seiner Seite zu haben. Oder Fachpersonal, das einem geduldig und kompetent Stillpositionen zeigt, Fragen beantwortet und bei Bedarf weitere Hilfe hinzuholt. Obwohl ich mir ein baby- und stillfreundliches Krankenhaus ausgesucht hatte, bekam ich nicht die Hilfe, die ich eigentlich gebraucht hätte. Das ist sehr schade und hat die Stillbeziehung zu meiner Tochter direkt zu anfangs auf eine harte Probe gestellt und für sie keinen schönen Start beschert.

Ich möchte daher für eine andere Aussage plädieren:

„Fast jede Mutter kann ihr Kind stillen, wenn sie gelassen und offen bleibt und die Unterstützung bekommt, die sie braucht.“

Ich persönlich finde die Aussage deutlich freundlicher und zutreffender Was denkt ihr? Habt ihr auch mit Stillproblemen zu kämpfen gehabt und wie habt ihr sie gelöst? Ich bin gespannt!

Alles Liebe
Eure Mrs. Ella

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3 Comments on Eine etwas andere Stillgeschichte: Fast jede Mutter kann ihr Kind stillen, wenn…

  1. Amelie
    2. Juni 2016 at 0:46 (2 Jahren ago)

    Interessant, es ist das erste Mal, das ich im Internet offen von Problemen beim Stillen lese. Mir erging es beim ersten Kind wie dir, stillen klappte nicht wirklich und ich war todtraurig. Und habe alles versucht, vom ständigen Anlegen, Stilltee, sogar Oxytocinspray von der Hebamme, die sonst aber keinerlei Hilfe war. Und wenn man jemandem von denen im Freundeskreis, die schon Kinder hatten, von den Problemen erzählte, kamen Sätze wie „Verstehe ich nicht, kann doch jede“. Ich habe es drei Wochen lang versucht, aber dann hat der Kinderarzt klipp und klar gesagt, es wird zugefüttert, weil unsere Tochter nicht zunahm und er nicht mehr verantworten kann, dass es so weitergeht (wir waren ständig beim Kinderarzt wegen Gelbsucht und als das durch war, hat er uns dennoch ständig hinbestellt, weil ihm die nicht vorhandene Gewichtszunahme nicht zusagte… Recht hatte er, muss man einfach zugeben im Nachhinein).
    .
    Beim 2. Kind habe ich noch in der Klinik verlangt, dass sie uns bitte PreNahrung bringen zum Zufüttern. Es ging zwar auch los mit „aber, voll stillen ist viel besser“, aber ich wollte so einen Terror nicht nochmal erleben. Und erstaunlicherweise kamen im Umfeld viel seltener dumme Kommentare, vermutlich weil ich mit dem ganzen Thema ziemlich abgeklärt umging (nach dem Motto „bei uns wird eben zugefüttert. Punkt.“).

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    • Mrs. Ella
      2. Juni 2016 at 18:30 (2 Jahren ago)

      Hallo Amelie,
      oh, ich könnte dir jetzt auf Anhieb einige Seiten nennen, auf denen du massig Stillgeschichten lesen kannst
      Ich habe wirklich viele davon gelesen, aber mir fehlt in dieser „Sparte“ einfach die Toleranz der Mütter. Wenn man – wie du – eine Lösung gefunden hat, mit der alle zufrieden sind, ist das doch das tollste, was dir passieren kann! Muttermilch hin oder her. Was bringt eine stillende, aber völlig entnervte Mutter, wenn man eine entspannte Mutter haben kann, die Flasche füttert? Jede Mutter muss für sich und ihr Kind die passende Lösung finden
      Ich finde es übrigens toll, auch mal so etwas zu lesen, wie ich es von dir gerade getan habe. Meistens sind es nur die Stillmütter, die sich offenbaren.
      LG
      Jenny

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  1. […] diesem Trend(?) eher unfreiwillig gefröhnt. Wer mehr darüber wissen möchte, kann sich mal unsere Stillgeschichte zu Gemüte […]

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